Eintracht Braunschweig hat ein Problem.

In den letzten vier Jahren kam es wieder vermehrt zu rechten Aktivitäten aus einigen Teilen der Fanszene, im Speziellen aus Hooligankreisen, rund um den Verein Eintracht Braunschweig. Auch wenn diese Aktivitäten nach außen nicht immer sofort sichtbar sind oder in die Öffentlichkeit gelangen: Rechte Parolen, Einschüchterungsversuche bis hin zu körperlicher Gewalt gegenüber Antifaschist*innen, Migrant*innen oder einfach nur andersdenkenden Menschen, sprechen eine klare Sprache rechter Gewalt. Erschreckenderweise gedeihen diese Aktivitäten immer noch auf dem Boden stillschweigender Akzeptanz bei einigen Eintrachtfans und auch bei wenigen offiziellen Vertreter*innen des Vereins.

Nazis bei Eintracht – kein neues Phänomen

Seit den 80er Jahren konnte sich um den Verein bzw. seine Fanszene eine rechte Hooliganszene etablieren, die das Klima im Stadion massiv beeinflusste. Bekannt geworden war der Verein Eintracht Braunschweig bei Fans anderer Vereine aufgrund seines großen und aggressiven rechten Hooliganaufkommen, bei dem es bereits meist im Voraus klar war, dass es zu gewalttätigen Ausschreitungen kommen konnte, wenn die Eintracht aus Braunschweig zu Gast war. Dass sich um Vereine Hooligans sammelten, die nebenbei auch nationalistisch, rassistisch, antisemitisch und/oder schlicht Nazis waren, war zu dieser Zeit in großen Teilen der Bundesrepublik, also bei weitem nicht nur bei Eintracht Braunschweig, ein bedrohlicher Normalzustand. Jedoch waren insbesondere Spieltage der Eintracht zu dieser Zeit immer wieder Ausgangspunkt für rechte Gewalt.

Was hat sich seitdem geändert?

Seit dieser Zeit hat sich einiges getan. Fußball wurde immer beliebter und zunehmend kommerzialisiert, was wiederum viele Menschen quer durch alle gesellschaftlichen Bereiche ins Stadion zog, wenngleich das Bild der Kurve dennoch weiterhin stark männlich-weiß dominiert war. So gehörten die Fankurven nach und nach nicht mehr nur den Hooligans und ihren rechten Parolen, sondern wurden von einem breiteren Spektrum an Menschen besucht, sodass rein prozentual der Anteil an Hooligans in den Stadien sank. Hinzu kam in Braunschweig der Bau einer neuen Fankurve, der Südkurve, in welcher dieses breitere Spektrum seinen Platz fand und sich neu ordnete. Das alte Bild der „Braunschweiger Gegengerade“, wo nicht selten von einem erschreckend großen Teil der Besucher*innen der Arm zum „Hitler-Gruß“ gehoben wurde, begann sich langsam zu wandeln.

Also ist doch alles gut!?

Leider nein. Denn jene rechten Hooliganstrukturen, wenngleich nicht mehr derartig präsent und nach außen hin dominant wie in den 80er und 90er Jahren, existieren immer noch in zweiter und teils erster Generation. Sie besuchen weiterhin die Spiele oder bewegen sich im nahen Umfeld des Stadions und prägen das Bild in der sogenannten „aktiven Fanszene“ massiv mit, indem sie durch ihren weiterhin hohen Einfluss ihnen nicht genehme Entwicklungen im Keim zu ersticken versuch(t)en.

Wenn sie ihre immer noch existente Vormachtstellung durch antifaschistisches Engagement oder einfach nur ein aktives Vorgehen gegen Diskriminierung bedroht sehen, gehen Hooligans der alten und neuen Generation gemeinsam dagegen vor. Durch mangelnden Widerstand konnte im Eintrachtstadion im Laufe der Jahre ein Treffpunkt der rechten Szene zwischen Harz und Heideland entstehen. So treffen sich beim wochenendlichen Fußballspiel Nazis aus Salzgitter, Wolfenbüttel, dem Harz und der restlichen Region rund um Braunschweig. Dies bedeutet dann nicht automatisch, dass es auch zu nach außen sichtbaren Aktionen kommt. Ihnen reicht es oftmals aus, sich einfach nur im Eintrachtstadion ungestört aufhalten zu können, dort neue Leute für ihr Sache zu rekrutieren und Kontakte zu pflegen.

Sie tun es immer noch: rechte Gewalt im Stadion und darüber hinaus!

Zum öffentlichen Bekanntwerden körperlicher Übergriffe im Stadion kam es erstmalig wieder Ende 2007. So gab es innerhalb der Fanszene seit 2006 eine Entwicklung rund um die Gruppe Ultras Braunschweig (UB), die den bisherigen Burgfrieden störte. Alleine die Tatsache, dass der mit Megaphon ausgerüstete „Vorsänger“ der UB griechischer Nationalität war, sowie die Gruppe vermeintlich linke Symboliken nutzte und anfing gegen Diskriminierung im Fanblock vorzugehen, passte den rechten Hooligans nicht ins Konzept und führte zu massiven Androhungen. Seitdem ist es zu einer erschreckend langen Chronik rechter Gewalt gekommen, die insbesondere antifaschistische Fans und Ultras traf. Aber auch außerhalb des Stadions in Braunschweig sind rechte Hooligans immer noch an Übergriffen auf Migrant*innen1, an Naziaufmärschen oder der Gründung neuer rechter Organisationen beteiligt 2

Wer ist die „Initiative gegen rechte (Hooligan-)Strukturen“ ?

Aufgrund der dauerhaften Aktivitäten und Präsenz, bis hin zur Gewalt seitens rechter Fußballfans & Hooligans bei Eintracht Braunschweig, haben wir die Initiative gegen rechte (Hooligan-)Strukturen gegründet. Es ist für uns nicht länger hinnehmbar, dass Nazis, die sich nebenbei auch noch Eintracht-Fans oder -Hooligans nennen, einen Freifahrtschein für rechte Gewalttaten besitzen.

Rechter Gewalt entgegentreten!

In den letzten Jahren ist es zu mehreren Gewalttaten seitens rechter Hooligans auf antifaschistische Fußballfans und Ultras gekommen. Neben zahlreichen Bedrohungen und Einschüchterungsversuchen kam es auch zu körperlichen Übergriffen, bei denen mehrfach Personen verletzt wurden. Dieses Problem ist nicht erst durch antifaschistisches Engagement im Stadion entstanden, im Gegenteil. Seit Jahren nehmen rechte Hooligans an Naziaufmärschen in der Region teil, sind verantwortlich für den Vertrieb rechter Modemarken oder an rassistischen Überfällen auf Migrant*innen beteiligt. Antifaschistisches Engagement ist daher notwendig, um rechte Aktivitäten aufzudecken, gegen diese zu intervenieren und sie in Zukunft zu verhindern.

Die jahrelange Ignoranz dieser Problematik hat ein Klima im Stadion der Braunschweiger Eintracht geschaffen, in dem sich Nazis wohlfühlen. Unsere Initiative will die Aktivitäten von rechten Fan- und Hooligangruppen in die Öffentlichkeit tragen und diesen den Platz bzw. die immer noch vorhandene Stellung in der Fanszene von Eintracht Braunschweig nehmen. Wir wollen insbesondere andere Eintracht Fans für diese Thematik sensibilisieren und diese zum aktiven, couragierten Handeln gegen rechtes und reaktionäres Gedankengut ermutigen.

Auch Fankultur hat antifaschistisch zu sein – basta!

Der Slogan der rechten Hooligan-Band Kategorie C „Fußball bleibt Fußball und Politik bleibt Politik“ trifft auf große Akzeptanz sowohl in Braunschweig, als auch in vielen Fanszenen darüber hinaus. Dieser Versuch den gesellschaftlichen Raum des Stadions als unpolitisch zu verkaufen, führt in der Realität vor allem dazu, dass sich Nazis an diesem Ort relativ ungestört bewegen und dort agieren können. Das Tragen rechter Modemarken wie z.B. Thor Steinar führt an vielen Orten zum Rausschmiss aus Lokalitäten oder Sportvereinen – im Eintracht-Stadion wird dies jedoch stillschweigend akzeptiert und gar selbst von einigen Angestellten des offiziellen Ordner*innenpersonals zur Schau gestellt.

Doch überall wo Nazis auftauchen, müssen die Menschen ihnen klar machen, dass sie hier nichts zu suchen haben. Überall wo Nazis mit ihrer Kleidung, ihren Sprüchen oder durch ihre bloße Anwesenheit ein Klima der Angst schaffen, das andere Menschen ausgegrenzt, muss die Devise klar sein: Nazis raus!

Unsere Arbeit richtet sich gegen Nazis im Stadion und nicht gegen Eintracht-Fans. Wir setzen uns vehement gegen den Versuch der Entpolitisierung rechter Gewalttaten, u.a. durch das Fanprojekt, zu Wehr. Falsch verstandene Solidarität einiger Eintracht-Fans liefert zwangsläufig die Legitimierung für derartige Übergriffe. Deshalb fordern wir eine Fankultur mit einem konsequenten antifaschistischen Grundkonsens ein, es darf keinen Ort für Nazis geben, an dem diese sich ohne Probleme treffen, vernetzten und neue Personen rekrutieren können – nirgendwo!

Kein Fußball den Faschisten!

Auch das Stadion hat kein Ort zu sein, in dem ein Klima der Ausgrenzung und Angst geschaffen wird, in dem diskriminierende Parolen gerufen werden und der Gegner als, „Jude“, „Zigeuner“, „Fotze“ oder „Schwuchtel“ bezeichnet wird. Denn auch im Stadion entsteht rechte Gewalt nicht einfach so, sondern benötigt einen fruchtbaren Boden, auf dem sie gedeihen kann.

Wir richten uns an den Verein, an das Fanprojekt, an alle Eintracht-Fans und Menschen dieser Gesellschaft, um so gemeinsam das Stadion zu einem Raum zu machen, in dem Nazis und ihre Ideologie nicht geduldet werden. Unsere Aktivitäten enden aber nicht an den Toren des Stadions, im Gegenteil: Rechte Gewalt kann nur durch gemeinsames solidarisches Agieren gesamtgesellschaftlich unmöglich gemacht werden.

März 2012 – Initiative gegen rechte (Hooligan-) Strukturen!


[1] Braunschweiger Hooligans an Massenschlägerei am Ballermann beteiligt
[2] „Ein Überblick über die Nazi-Szene in Braunschweig“

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