Archiv für November 2016

Kein Platz für Diskriminierung im Eintracht-Stadion?!

Dass bei einem Derby viele Emotionen im Spiel sind, ist durchaus nicht außergewöhnlich. Leider kam es dabei am Sonntag (6. November 2016) zu einigen Zwischenfällen, über die nicht geschwiegen werden darf und welche leider aufzeigen, dass trotz aller Beteuerungen definitiv noch eine Menge Handlungsbedarf besteht. Diese Vorkommnisse dürfen nicht einfach als emotional aufgeladene Verfehlungen bagatellisiert werden, sondern müssen als das benannt werden, was sie sind: direkte und indirekte Diskriminierungen.

Konkret versuchte die führende Ultra-Gruppe Cattiva Brunsviga (CABS) im Verlauf der Zweiten Halbzeit, die Ultras des Derbygegners Hannover 96 auf homophobe Art und Weise abzuwerten: „Trendige Batikkurse für sie und es gibt es unter homo@rbh.de!“(1) (RBH steht hierbei für Rising Boys Hannover, eine Ultra-Gruppe im Umfeld von Hannover 96), stand auf dem Spruchband, welches sie am Zaun vor dem Stimmungsblock 9 der Südkurve entrollten und mit ihrem Gruppenkürzel CABS unterschrieben. Dass sie Homosexualität gleichzeitig als unmännlich definieren, unterstrichen die Jungs von Cattiva zusätzlich damit, dass sie für die männliche Form „ihn“, lieber ein „es“ verwendeten.
Dabei erklärte eben jene Gruppe vor nicht allzu langer Zeit noch: „Wir wollen (…) vielmehr an dieser Stelle abermals klarstellen, dass rassistische Äußerungen, politisch motivierter Extremismus und das Zeigen/Tragen von verfassungswidrigen Zeichen in der Fanszene von Eintracht Braunschweig keinen Platz haben und wir auch jeden Eintracht-Fan dazu aufrufen, sich weiterhin davon zu distanzieren und im Rahmen der Möglichkeiten bei eventuell vorkommenden Verfehlungen dagegen vorzugehen. Lasst uns gemeinsam daran arbeiten, dass Kritikern der Nährboden entzogen wird und rechtes Gedankengut keinen Platz zur Entfaltung findet und aus dem Stadion verschwindet.“(2)
Die Ernstzunehmbarkeit jener Distanzierungen und Aufforderung zu Zivilcourage, die im Rahmen der Auseinandersetzung um die Angriffe auf die antifaschistischen Ultras Braunschweig (UB) getätigt wurden, darf somit durchaus angezweifelt werden.

Wo Homophobie im Spiel ist, ist Sexismus leider meist nicht weit. So hing während des gesamten Spiels vor Block 8 ein Banner mit der sexistischen Aufschrift: „Fotzen Hannoi“, wobei das „o“ durch ein 96-Logo ersetzt wurde. Auch dieses Transparent aus den Reihen der rechten Hooligan-/Fan-Gruppen Fette Schweine Braunschweig und Exzess Boys Braunschweig hing ohne Intervention das komplette Spiel über am Zaun. Erschreckenderweise tat es dies bereits mehrere Male und führte am 21. August 2015 beim Auswärtsspiel der Eintracht in Bielefeld schon zu handgreiflichen Auseinandersetzungen zwischen Eintracht-Fans und Ordnern von Arminia Bielefeld (darunter auch Hooligans von Hannover 96), weil diese das Transparent entfernen wollten.

Aus den Reihen der Fetten Schweine und Exzess Boys stammte auch das Transparent: „Eintracht Fans gegen Kinderficker“, welches in der zweiten Halbzeit gezeigt wurde, sowie das Spruchband: „Wischt euch den Angstschweiss von der Stirn – Die U-Bahn wird heute nicht gebaut“(3), welches klar auf den antisemitischen Fangesang „[…] Eine U-Bahn bauen wir, von Hannover bis nach Auschwitz. […]“ anspielt.

Analysiert man genauer wer dahinter steckt, kann man auf den aktuellen Fotos vom Spiel altbekannte Gesichter der Fangruppe wiederfinden, welche bereits 2012 in der Broschüre Kurvenlage – Rechte Aktivitäten in der Fanszene von Eintracht Braunschweig ausführlich erwähnt wurde. Rechtes Gedankengut in diesen Reihen sind leider keine überraschende Neuerscheinung, sondern Verein, Polizei sowie aktiver Fanszene hinlänglich bekannt (siehe auch Kurvenlage, Seite 30 (4))

Während die Fetten Schweine gleich ganz darauf verzichteten, distanzierten sich die Exzess Boys immerhin im Rahmen der Auseinandersetzung um rechtes Gedankengut in der Fanszene am 1. Oktober 2013 von eben jenem: „Für uns gab und gibt es im Stadion einzig allein einen Tenor und der heißt Eintracht Braunschweig. Daraus ergibt sich aus unserem Verständnis auch das Rassismus, Rechts‐ und Linksextremismus sowie andere Diskriminierende Aussagen keinen Platz im Stadion haben. Frei nach dem Motto: Eintracht in Vielfalt….“(5)
Dass sie dennoch weiterhin gemeinsame Sache mit eine Gruppe wie den Fetten Schweinen machen und mit diesen derartige Spruchbänder und Banner präsentiert, zeigt leider auch hier, wie wenig andere Eintracht-Fans, Zuschauer*innen und Vereinsverantwortliche diese Distanzierung von diskriminierenden Aussagen noch ernst nehmen können.

Im Stadionumfeld tauchten derweil rund um den Spieltag ebenfalls antisemitische Aufkleber mit der Aufschrift „HSV Juden“(6) auf die zeigen, dass rechtes Gedankengut bei so manchen traurigerweise immer noch an der Tagesordnung ist.
Klar ist: Dass solche Aufkleber im Stadionumfeld verklebt werden, kann nur schwerlich verhindert werden. Im Kontext der im Stadion gezeigten Spruchbänder und Transparente muss sich der Verein Eintracht Braunschweig allerdings die Frage gefallen lassen, wieso er dagegen nicht unmittelbar vorgegangen ist. Die Stadionordnung und das Leitbild von Eintracht Braunschweig schließen Diskriminierung im Eintracht-Stadion kategorisch aus, dennoch blieben die für alle öffentlich sichtbaren Verfehlungen vom Derby-Spieltag unkommentiert. Lediglich ein Transparent gegen die Polizei und der Einsatz von Pyrotechnik wurden vom Stadionsprecher als nicht wünschenswert kommentiert.

Einmal mehr zeigte in diesem Zusammenhang die Gruppe Fette Schweine mit ihrem antisemitischen und zutiefst menschenverachtenden Spruchband, welches Weltbild sie vertritt und offen ins Stadion hineinzutragen pflegt. Auch hier muss sich der Verein die Frage gefallen lassen, wie er in Zukunft mit dieser Gruppe und seinen Protagonisten – welche seit mehreren Jahren durch solche rechten und zum Teil gewalttätigen Aktionen auffällig geworden ist – umgehen will.

Gegen eine gesunde, sportlich faire Fanrivalität, wie sie von der überwältigen Mehrheit beim Derby praktiziert wurde, gibt es nichts einzuwenden. Wenn sich allerdings einige wenige, bekannte Personen zu lasten des Grundverständnisses von Eintracht Braunschweig so verhalten, dass sie Menschen (direkt und indirekt) diskriminieren, steht dies konträr zu den Grundwerten von Eintracht Braunschweig und verlangt eine Intervention.

Initiative gegen rechte (Hooligan-)Strukturen

Verzeichnis und Fotos:

(1)

(Fotoquelle: Hendrik Buchheister on Twitter; https://twitter.com/h_buchheister/status/795268610667278337)

(2)
http://www.fanpresse.de/stellungnahmen-zum-thema-rechtsextremismus-und-der-thematik-ub-01/

(3)

(Fotoquelle: Panajotis Gavrilis on Twitter; https://twitter.com/panajotaki/status/795291944461148160)

(4)
http://nonazisbs.blogsport.de/images/kurvenlage_online.pdf

(5)
http://www.fanpresse.de/stellungnahmen-zum-thema-rechtsextremismus-und-der-thematik-ub-01/

(6)

(Fotoquelle: privat)