Archiv für Juli 2013

Bestandsaufnahme zu den Krawallen rechter Hooligans am Pfingstsonntag

Nazis nutzten Eintrachts Aufstiegsfeier wiederholt für rechte Parolen und Propaganda

Beim letzten Zweitligaspiel des Aufsteigers Eintracht Braunschweig am 19. Mai 2013 kam es zu mehreren Vorfällen, die von Personengruppen der rechten Hooligan-Strukturen bei Eintracht Braunschweig ausgingen. Maßgeblich verantwortlich am Pfingstsonntag waren Mitglieder der Fetten Schweine/Hungerhaken Braunschweig (1), nach der Auflösung derzeit gruppenlose, ehemalige Mitglieder von Kategorie Braunschweig (ebd.), und ebenfalls vereinzelte Mitglieder der führenden Althooligangruppe Alte Kameraden (ebd.).

Nach Abpfiff der Partie Eintracht Braunschweig gegen den FSV Frankfurt stürmten, wie nach jedem Aufstieg, die Eintracht-AnhängerInnen das Spielfeld, um gemeinsam mit der sportlich erfolgreichen Mannschaft den Aufstieg zu feiern. Teile der rechten Hooligans zeigten hieran jedoch eher wenig Interesse und nutzen die Feierlichkeiten vielmehr, um die Konfrontation mit den Gästefans aus Frankfurt zu suchen, zu denen keinerlei geschichtliche Rivalität besteht. Daher ging es schlichtweg um die Suche nach Gewalt. Die Polizei stellte sich hierbei zwischen die Aggressoren und den Gästeblock. Die Frankfurter Fans beantworteten die Aktion mit Anti-Nazi-Parolen.

Eine der ersten Personen, welche den Rasen des Eintracht-Stadions betrat, war der bekennende Eintracht-Fan und Bundesvorsitzende der NPD, Holger Apfel. (2) Begleitet wurde er von Christian Hehl aus Mannheim, ebenfalls NPD-Kader. Die Fotos, welche der regelmäßig bei Eintracht-Spielen anzutreffende Holger Apfel später bei Facebook veröffentlichte, wurden von mehreren, im Internet offen mit Eintracht sympathisierenden Facebooknutzern, mit „gefällt mir“ bewertet.
Dass NPD-Funktionäre gezielt die Nähe zu Eintracht Braunschweig suchen und den Verein offenbar als Steigbügel dafür nutzen wollen, um in der Mitte der Gesellschaft anzukommen, ist ein akutes Thema. (3) Der Verein hat Holger Apfel mittlerweile mit Haus- und Stadionverbot für das Eintracht-Stadion belegt. (4)

Im Anschluss an die Feierlichkeiten im Stadion veranstalteten mehrere tausend Eintracht-Fans einen großen Fanmarsch in die Braunschweiger Innenstadt. Hierbei nutzten einzelne Personen wiederholt die Bühne, um antisemitisch konnotierte Gesänge wie das „U-Bahn-Lied“ (5) und „Juden Hannoi“ Parolen gegen den Rivalen Hannover 96 anzustimmen oder gezielte Anfeindung gegenüber den sich als antifaschistisch verstehenden Ultras Braunschweig zu verbreiten.
Die Rolle rechter Hooligangruppen bei Eintracht Braunschweig wurde wiederholt hierdurch unterstrichen, dass Personen aus diesem Kreise den Fanmarsch in den ersten Reihen mit anführten. Bereits 2011 beim Zweitliga-Aufstieg von Eintracht Braunschweig kam es zu ähnlichen Vorfällen. (6)

In der Innenstadt kam es später zu weiteren, schwerwiegenden Vorfällen. Hierbei suchten Mitglieder der rechten Hooliganszene gezielt die Konfrontation mit der Polizei. Daneben waren vereinzelte Kleingruppen auf der Suche nach AntifaschistInnen, so wurden mehrere „alternativ“ aussehende Jugendliche von Hooligans unter Androhung von Gewalt auf die Zugehörigkeit zu der Gruppe Ultras Braunschweig gefragt.

Die aggressive Grundstimmung der Hooligans kanalisierte sich wenig später in der Neuen Straße vor dem Kneipenlokal Movies. Hier griffen mehrere Personen Polizeibeamte mit Flaschen, Gläsern, Stühlen, Barhockern, Bistrotischen und Böllern an. Auf Bildern und einem Online-Video im Internet (YouTube) sind Personen der rechten Hooligangruppen Fette Schweine/Hungerhaken (FS/HH) und Alte Kameraden (AK) als Beteiligte an dieser Aktion zu erkennen. (7)


Screenshots aus dem Online-Video. Beteiligte mit Kleidung der AK.


Gruppenlogo auf T-Shirt der Alten Kameraden.


Screenshots aus dem Online-Video. Beteiligte mit Kleidung der FS/HH.


Gruppenlogo auf T-Shirt der Fetten Schweine/Hungerhaken.
Bildquelle: Braunschweiger Zeitung, Online-Gallerie


Gruppenlogo auf T-Shirt der Fetten Schweine/Hungerhaken.

„In einem Zwischenfazit berichtet Polizeisprecher Joachim Grande von allein 20 verletzten Polizisten, von denen fünf so schwer verletzt wurden, dass sie dienstuntauglich sind. Es gab 15 Festnahmen.“ (8) Die Polizei nahm die Personalien von über 300 Personen auf und installierte in der Woche nach den Ausschreitungen eine Sonderkommission. (9) Die Vorfälle in Braunschweig sorgten bundesweit für Berichterstattungen in den Medien.

Um die vorher genannten rechten Hooligangruppen auszumachen, braucht man keinerlei polizeiliche Ermittlungsarbeit abzuwarten oder diesen gar ihre Aufgaben abzunehmen. Diese Erkenntnis stammt allein aus der Sichtung des veröffentlichten Videos der Ausschreitungen, bei dem man Kleidungsstücke mit Gruppenlogos, oder anderer Symbolik erkennen kann. Damit ist klar, dass es sich um Zugehörige oder Menschen aus dem engen Umfeld dieser Gruppierungen mit rechtem Hintergrund handelt.

Da in dieser Situation eindeutig zu erkennen ist, dass dort Gruppenkleidung von alteingesessenen Hooligans des BTSV getragen wird, kann die Äußerung von FanRat-Sprecher Robin Koppelmann in der Braunschweiger Zeitung nur verfrüht getroffen worden sein: „Diejenigen, die dort randaliert haben, waren keine klassischen Stadion-Fans.[…] Vermutlich handelt es sich bei den Tätern vorwiegend um Fans, die von der Größe des Events angelockt wurden, ansonsten aber keinen Bezug mehr zur Fanszene haben und nicht zu unserem üblichen Klientel gehören.“ (10)


Zaunfahne der AK im Olympiastadion Berlin (Bildmitte).
Hertha BSC – Eintracht Braunschweig am 8. April 2013.
Screenshot aus www.braunschweig1895.de


Zaunfahne der FS/HH beim Aufstiegsspiel in Ingolstadt.
FC Ingolstadt – Eintracht Braunschweig am 26. April 2013.
Bildquelle: privat

Diese Gruppen sind bei jedem Heimspiel personell anwesend und teilweise sind ihre Zaunfahnen auch bei 34 Spielen (Heim- und Auswärtsspiele) an den Zäunen befestigt, wenn die Eintracht spielt. Diese Informationen sind dem durch die FanPresse eingesetzten Stadioninnenraum-Fotografen Koppelmann durchaus bekannt. (11) Wie es hierbei dazu kommen kann, sich von den Menschen zu distanzieren, die seit Jahren – ähnlich wie Koppelmann – dem Verein nachreisen, statt klar zu benennen, dass diese Gruppen bekannt sind, bleibt unverständlich. „‘Es handelt sich überwiegend um sogenannte Alt-Hooligans‘, erklärte der Sprecher (Joachim Grande, Polizeisprecher, a.d.R.). Die organisierte Problemszene gewaltsuchender Männer, wie Grande sie nennt. Seit Jahren würden diese Fußball-Gewalttäter die Polizei beschäftigen.“ (12)

Auch handelt es sich dabei um Personen, die keinen weiten Anreiseweg hatten. So äußerte sich der stellvertretende Leiter des PK Nord, Uwe Harm, in der BZ wie folgt: “Nach den Krawallen war in verschiedenen Internetforen spekuliert worden, die Gewalt sei von außerhalb in die Stadt hineingetragen worden. Harm dazu: „Es handelt sich nicht um Leute aus Magdeburg oder Hannover, wie vermutet wurde. Wir ermitteln gegen Beschuldigte aus Braunschweig und dem Umland.“ (13)

Im gleichen Artikel gibt es von diesem auch die Feststellung, dass es keinen politischen Hintergrund bei diesen Ausschreitungen gab: „Der Staatsschutz arbeitet deshalb bewusst in der Sonderkommission mit. Wir haben nach Auswertung des uns bislang vorliegenden Materials aber keinerlei Hinweise drauf, dass die Vorfälle in eine bestimmte politische Richtung gehen.“
Hier lässt sich festhalten, dass bei dem Vorfall neben anderen Personen ebenfalls Menschen aus dem Umfeld von rechten Hooligan-Strukturen beteiligt waren. Dass diese dort ihren Gewaltexzess nicht aus politischer Motivation bestritten, liegt auf der Hand. Nicht alles was Rechtsextreme tun ist politisch motiviert. Doch es muss klar benannt werden, dass dort Personen am Werk sind, die auch durch andere Formen von Übergriffen aufgefallen sind. Dieser Bezug wird sonst schnell vergessen und lässt solche Vorkommnisse als einmalige Aktionen von vollkommen Fremden wirken.

Bei den Geschehnissen im Stadion und der Innenstadt lässt sich erkennen, welches enorme Gewaltpotential in den Reihen der rechten Hooliganstrukturen bei Eintracht Braunschweig vorhanden ist. Diese Gewalt hat sich in der Vergangenheit immer wieder neben Polizei auch gegen MigrantInnen, Andersdenkende und AntifaschistInnen geäußert. Eine offensive Distanzierung durch namentliche Nennung der rechten Hooligangruppen, wie in diesem Fall Alte Kameraden Braunschweig und Fette Schweine/Hungerhaken Braunschweig, gab es bisher seitens des Vereins Eintracht Braunschweig nicht. Die Verantwortlichen des BTSV verurteilen Gewalt zwar per se, jedoch werden sie nur durch klare Bezeichnung der Schuldigen, die Gewalt durch rechte Hooligans und deren Umfeld im und um das Eintracht-Stadion in Griff bekommen.

Der Verein sollte auch in der Bundesliga keinen Platz für solche Menschen einräumen. Mit dem Stadionverbot eines Holger Apfel hat der BTSV gezeigt, dass er handlungswillig ist. Es bleibt abzuwarten, welche nächsten Schritte der Verein im Umgang mit rechten Hooligans einleiten wird.

Initiative gegen rechte (Hooligan-)Strukturen

(Die fortlaufende Entwicklung des Themas wird weiter dokumentiert)

Verzeichnis:

(1) Siehe auch Broschüre Kurvenlage auf nonazisbs.blogsport.de/kurvenlage/

(2) Holger Apfel (NPD),
Recherche38.info: Eintracht Braunschweig gegen St. Pauli: “Zecken”, “asoziale Nazis”, “Reichskriegsflagge” und der NPD-Parteichef im Stadion,
www.recherche38.info/2012/11/30/eintracht-braunschweig-gegen-st-pauli-zecken-asoziale-nazis-reichskriegsflagge-und-der-npd-parteichef-im-stadion/

(3) Patrick Kallweit (NPD),
Initiative gegen rechte (Hooligan-)Strukturen: Wenn die NPD sich in Blau-Gelb präsentiert,
nonazisbs.blogsport.de/2013/01/11/wenn-die-npd-sich-in-blau-gelb-praesentiert/

(4) Eintracht Braunschweig: Eintracht spricht Haus- und Stadionverbot gegen Apfel aus,
www.eintracht.com/eintracht/aktuelles/news/allgemein/einzelansicht.html?news=10674&cHash=9e8546be8b324f9dc3a1de2c07a15f1a

(5) Das „U-Bahn-Lied“ ist ein Fangesang, bei dem besungen wird, dass eine U-Bahn von Hannover bis nach Auschwitz gebaut werde.

(6) Siehe auch Broschüre Kurvenlage, Seite 45, nonazisbs.blogsport.de/kurvenlage/,
15.04.2011, Nazi-Parolen nach Eintracht-Aufstiegsspiel

(7) Video von den Ausschreitungen in der Braunschweiger Innenstadt auf YouTube,
www.youtube.com/watch?v=miHmlH-JynE
(zur Zeit offline, alternativ: https://vimeo.com/69679786)

(8) Braunschweiger Zeitung online, 20.05.2013 – 10:55 Uhr, Aufstiegs-Party: Randalierer verletzten 20 Polizisten,
www.braunschweiger-zeitung.de/lokales/Braunschweig/aufstiegs-party-randalierer-verletzten-20-polizisten-id1011335.html

(9) Braunschweiger Zeitung online, 21.05.2013 – 16:40 Uhr, Eintracht verurteilt Krawalle – Polizei richtet Soko ein,
www.braunschweiger-zeitung.de/lokales/Braunschweig/eintracht-verurteilt-krawalle-polizei-richtet-soko-ein-id1012692.html

(10) Braunschweiger Zeitung online, 23.05.2013 – 08:30 Uhr, Eintracht verhängt Stadionverbot gegen NPD-Chef,
www.braunschweiger-zeitung.de/lokales/Braunschweig/eintracht-verhaengt-stadionverbot-gegen-npd-chef-id1014021.html

(11) Siehe auch: Publikative.org, 14.10.2012, Braunschweigen: Kein Mittel gegen Nazis,
www.publikative.org/2012/10/14/braunschweigen-kein-mittel-gegen-nazis/

(12) Braunschweiger Zeitung online, 28.06.2013 – 16:48 Uhr, Polizei erhöht Druck auf Fußball-Gewalttäter,
www.braunschweiger-zeitung.de/lokales/Braunschweig/polizei-erhoeht-druck-auf-fussball-gewalttaeter-id1061125.html

(13) Braunschweiger Zeitung online, 19.06.2013 – 08:32 Uhr, Razzia – Polizei setzt Hooligans unter Druck,
www.braunschweiger-zeitung.de/lokales/Braunschweig/razzia-polizei-setzt-hooligans-unter-druck-id1048200.html